Der Sommer 2014… Andrij Iltschenko

Ильченко
„Ist dies wirklich der einzige Weg, das Erwünschte zu bekommen? Warum können Menschen nicht einfach miteinander reden?“

Der Sommer 2014 war genau der Sommer, auf den ich seit dem Einbruch des Winters sehnsüchtig wartete. Ich lernte in der Schule so fleißig, wie es mir nur möglich war. Endlich war die 8. Klasse vorbei.
Mit einem stolzen Lächeln auf ihren Gesichtern warteten auf mich daheim meine Mutter und meine Oma. Noch an der Haustürschwelle wurde ich von meiner lieben Oma in die Arme geschlossen. Sie war so stolz auf mich! Dann ging ich in den Hof raus und das erste, was ich sah, war ein Fahrrad, rot, wie eine reife Kirsche. Daneben stand mein Opa:
– Andrjuscha, du hast dieses Schuljahr ausgezeichnet beendet. Also wird dein Sommer viel spannender, als du es dir erträumt hast.
In dem Moment wusste ich, dass der Sommer einfach wunderbar sein wird! Ein paar Tage verbrachte ich sorglos auf meinem nagelneuen Rad durch die Straßen der Stadt flitzend gemeinsam mit meinen Freunden.
Eines Abends, gegen 23 Uhr, liefen im Fernseher wie immer die Nachrichten. Eigentlich bin ich kein Fan von derartigen Sendungen, aber meine Mutter. Ich war schon im Bett, als ich „Altschewsk“ hörte, den Nahmen meiner Stadt. Ich wurde neugierig, sprang aus dem Bett und ging ins Wohnzimmer. Meine Mutter saß auf der Couch rechts neben der Wand. Es war alles wie sonst, aber ihr Gesichtsausdruck war so voll Sorge, dass ich Angst bekam.
Als sie mich sah, schaltete sie abrupt das Gerät aus und fragte, warum ich denn noch nicht im Bett sei: „Hast du gesehen, wie spät es ist? Geh schnell ins Bett.“
Ich sah ihr an, dass sie versuchte, etwas vor mir zu verbergen.
Am nächsten Morgen wachte ich nach einem seltsamen Traum auf, wusch mein Gesicht, erledigte meinen Teil der Arbeiten im Haus und ging spazieren. Ich war schon an der Stelle, an der ich mich am Abend zuvor mit meinem besten Freund verabredet hatte, er allerdings war noch nicht da. Ich wartete. Nach einiger Zeit rief mich meine Mutter an: „Wo bist du denn, Andrjuscha? Warum bist du nicht zu Hause? Komm auf der Stelle zurück!“
Ich hörte in ihrer Stimme Angst, begriff sofort, dass etwas nicht stimmte und eilte zurück. Die Straßen waren ungewöhnlich still und wie leergefegt. Nur selten sah ich einen Fußgänger oder ein Auto vorbeifahren. „Was ist denn hier los?“, ging es mir durch den Kopf und ich rannte los.
Als ich in unser Treppenhaus hineinging, sah ich eine Szene, die mich im ersten Moment sehr erschreckte: Ein Soldat, ein echter Soldat stand an unserer Haustür. An seinem Rücken hatte er ein riesiges Maschinengewehr hängen, das so lang war, dass es vom Hals bis zu seiner Hüfte reichte. Ich hatte so etwas noch nie aus dieser Nähe gesehen, nur in Computerspielen oder auf Bildern. Abrupt blieb ich stehen, meine Beine und Hände waren wie gelähmt. Ohne zu blinzeln starrte ich den Mann an.
Erst als ich Mutters Stimme hörte, kam ich zu mir. Sie sah mich und befahl, in die Wohnung hineinzugehen. Sehr langsam, wie in einem Traum, ging ich an dem Mann vorbei, doch als ich in sein Gesicht schaute, spürte ich Erleichterung: Dort gab es nichts, wovor man Angst haben müsste. Kurz darauf, als ich in meinem Zimmer war, hörte ich die Haustür zufallen. Dann kam meine Mutter zu mir: „Hast du dich erschreckt? Verzeih mir, ich wollte dir das ersparen, aber es ist mir leider nicht gelungen. Der Mann war da, um uns zu warnen, dass wir nicht nach draußen gehen sollen. Sie wollen in unserem Stadtteil irgendein Regierungsgebäude stürmen“. „Wollen sie hier in unserer Stadt etwa schießen? Mutter, warum?! Wer braucht denn sowas?“ – schrie ich und sah Tränen in ihren Augen. Sie hatte keine Antworten.
„Ich weiß, es ist sehr schwer, aber du musst geduldig sein. Bald werden wir umziehen“, sagte sie.
Mein Herz raste: Wie ist das nur möglich? Ich will meine Stadt nicht verlassen! Hier sind meine Freunde, meine Familie, mein Zuhause! Ich verstand, dass unsere Abwesenheit länger dauern würde als ein paar Tage – dass ich meine Heimat womöglich nie wiedersehen würde.
„Es ist nur ein Traum! Ein Alptraum! Ich wache gleich wieder auf und gehe wie immer hinaus zu meinen Freunden!“, dachte ich.
Doch es gelang mir nicht, das Leben zu täuschen“. Den ganzen nächsten Tag lang dachte ich über das gestrige Ereignis nach. „Warum jemand wohl Waffen erfunden hat?“, fragte ich mich. „Ist dies wirklich der einzige Weg, das Erwünschte zu bekommen? Warum können Menschen nicht einfach miteinander reden?“
Ich finde, dass alle Menschen, die auf andere mit Gewehren zielen, schlimmer sind als Tiere. Sie sehen uns ähnlich, aber da sie andere Menschen nicht respektieren, kann man sie nicht als Menschen bezeichnen.
Der Abend brach an. Da ich nicht nach draußen durfte, schaute ich fern. Es gab dieses Mal keine schlechten Nachrichten, daher ging ich beruhigt ins Bett. Doch es gelang mir nicht, schnell einzuschlafen. „Alles zurücklassen und neu anfangen? Das schaffe ich nicht! Irgendeine neue Stadt und neue Freunde? Aber hier ist meine Stadt, hier sind meine Freunde! Die besten Freunde auf der ganzen Welt!“, ging es mir durch den Kopf.
Ein Tag nach dem anderen ging vorbei. Die Straßen wurden immer leerer, Freunde riefen auch nicht mehr an. Ich fühlte mich einsam und gelangweilt. Meine Mutter, meine Oma und mein Opa machten mir Mut.
Dann verschwand der Mobilfunk und wir konnten niemanden mehr anrufen, um zu fragen, was geschah. Es gab auch kein Wasser mehr. Keinen Strom. Abends zündeten wir Kerzen an und redeten über unsere Hoffnungen und Pläne. Meine Mutter erzählte, wohin sie mit mir fahren will. Da erfuhr ich, dass wir nur zu zweit wegfahren würden. Meine Großeltern würden in der Heimatstadt bleiben, die langsam ausstarb.
Mein Leben veränderte sich. Bald schon hasste ich diesen Sommer. Mir war es gleich, wer da mit wem nicht klar kam.“. Ich wollte nur, dass meine Familie wie vorher leben konnte. Erst dann verstand ich, wie ernst die Lage war und dass ich meine Stadt früher oder später verlassen würde. Das machte mir sehr zu schaffen und ich zog mich zurück, wollte mit niemandem mehr reden. Damals maß ich mir an, herausgefunden zu haben, wie das Leben funktioniert.
Menschen verließen die Stadt in Massen, daher war es sehr schwierig, eine Mitfahrgelegenheit zu finden.
Eines Nachts wachten wir wegen eines ohrenbetäubenden Grollens auf. „ Ein Erdbeben?“, dachte ich. Doch im nächsten Moment verstand ich, dass ich falsch lag. Es schien wie ein Traum, ein sehr schlechter Traum. Irgendwo, ganz in der Nähe, explodierten Raketen. Ich sah meine Mutter weinen. Jeder hatte Angst und war verwirrt. Man hatte das Gefühl, dass vor unserem Haus ein riesiger Tornado wühlen würde. Ich war sehr erschrocken, vor meinem inneren Auge sah ich mein gesamtes Leben an mir vorbeiziehen. Plötzlich stellte ich mir vor, dass dies das Ende war. Dann hörte ich meine Mutter schreien: „Schnell, lasst alles hier und lauft in den Keller!“
Die Neugierde zwang mich, aus dem Fenster herauszugucken. Meine Hände zitterten, solche Angst hatte ich noch nie erlebt. Mein Opa packte mich und zerrte mich mit nach unten in den Keller. Ich war wie benebelt. Unsere Nachbarn liefen auch nach unten.
Ein kleines Kind, das in den Händen seines Vaters lag…
Ich erinnere mich noch, dass der Kleine mir unendlich leidtat, weil er jetzt in dieser Stadt leben musste.

Im Keller ist es kalt, nass und der Platz ist knapp. Es sind noch 15 weitere Menschen hier.
Nach etwa fünf Minuten ließ das Grollen nach.

„Wir sollten noch fünf Minuten warten“, sagte jemand aus der Menge.
Wir warteten noch fünf Minuten und kehrten dann in unsere Wohnungen zurück.
Zu Hause angekommen hatte ich keine Lust, mit jemanden zu reden, Schlaf und Hunger verließen mich auch. Nie werde ich den Anblick dieser sechs Raketen in der Luft vergessen.
Bald kam der Tag, an dem ich mich von meinen Großeltern verabschieden musste. Ich kann bis heute nicht glauben, dass all das wirklich passiert ist. Gerade eben verabschiedete ich mich nur für den Sommer von der Schule und bald würden meine Stadt, mein rotes Rad und meine Schule schon Geschichte sein. Und meine Großeltern… Ich wollte sie nicht zurücklassen, aber wir hatten keine andere Wahl. Mein Opa schaute mich an, seine Augen voll Hoffnung, aber auch voller Freude: „Andrjuscha, ich verstehe schon, wie dir zumute ist. Dennoch solltest du die Schule beenden und dein Leben weiterführen. Mach dir keine Sorgen um uns. Sobald wir eine Gelegenheit kriegen, kommen wir nach.“
In seiner Stimme hörte ich das Vertrauen, das er in mich hatte – er wusste, ich würde alles schaffen, alle Schwierigkeiten bewältigen. Da mir die Worte fehlten, umarmte ich ihn einfach.
„Wir alle unterstützen dich. Sieh nur zu, dass du es im Leben zu etwas bringst“, sagte Oma. Ich tat mein Bestes, um meinen Schmerz nicht zu zeigen, versuchte, mich stark zu geben, aber aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass ich sie zum letzten Mal in meinem Leben sah. Nur unterwegs konnte ich mich davon lösen.
Früher liebte ich es, auf Reisen zu gehen. Doch noch mehr als das liebte ich es, nach Hause zurückzukehren. Dieses Mal war alles anders.
Der erste Halt war schrecklich. Ein verlassener Ort irgendwo im Nirgendwo auf einem Feld. Mutter sagte, dass es ein Kontrollpunkt sei, dennoch spürte ich nicht gleich die Gefahr. Als ich allerdings genauer hinschaute, sah ich sehr viele Soldaten. Einer von ihnen ging auf einmal in Richtung unseres Autos. Ein bewaffneter, offensichtlich sehr betrunkener Mann öffnete die Autotür. Sein Gesicht war dreckig, seine Kleidung stank, und an seinem Rücken hing ein Maschinengewehr. Er verlangte von uns, dass wir ihm unsere Papiere zeigen. Die Kontrolle dauerte 15 Minuten.
Falls ich mich nicht verrechne, passierten wir ungefähr 20 Blockstellen während der siebenstündigen Fahrt. Als ich die Ansage hörte, dass wir bald am Ende unserer Reise waren, freute ich mich ungemein.
Nur eines machte mich traurig: Dort, Daheim, blieben meine Großeltern… alleine…
Übersetzung aus dem Russischen:  Viktoria Puskar

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