Zen nach dem Grad. Vorwort

Larissa Danilenko
Als Focus-Autorin nahm Larissa Danilenko am Wettbewerb im Rahmen des Projekts „Ich bin ein anderes Du“ teil, bei dem Jugendliche aus der Donbass-Region ihre Essays und Videos präsentierten.

Ihr Schlafzimmer lag Wand an Wand zu seinem. Jede Nacht sprang er auf dem Bett, wenn sie vom Tod und von Hass träumte. Sie schrie. Er konnte die Augen nicht mehr schließen. Sie beide waren erst 18.
So hätte eine romantische Liebesgeschichte zweier Teenager anfangen können, die das erboste Schicksal zu Nachbarn machte. Aber so einfach ist es nicht gewesen.
Ihr Schmerz wird sie nie verlassen: Sie wird lächeln, von einer Stadt in die andere ziehen, sogar beim Liebesakt wird sie ihn nicht los. Das kleine zerstörte Städtchen im Osten ihrer in Stücke gerissenen Heimat wird sie immer ihr Zuhause nennen. Mit seinen Achtzehn weiß er das ganz genau.
Hier wird es keine Romeo und Julia geben. Auch wenn diese Geschichte alle Bestandteile eines shakespeareschen Dramas aufweist, wird sie nicht in einer Liebesgeschichte enden.
Der Krieg zwischen den herrschenden Gruppierungen ist die Bestrafung der Kinder für die Beschränktheit der Erwachsenen. In die tiefen Spalten der verrotteten Welt dringt der kriegerische Nachbar ein und zerstört alles, was es zu zerstören gibt. Doch er hinterlässt Zeugen seiner Untaten.

Ich bin ein anderes Du
Ein Balanceakt zwischen der Vergangenheit und Zukunft.

Bei den Zeugen endet das, was allen Kriegen gemein ist. Hier fängt unsere Geschichte an. Die neueste Geschichte der Ukraine, die in meine Hände kam in Form von Essays und Videos, geschaffen von jungen Ukrainern im Alter von 16 bis 24 Jahren, die am internationalen Wettbewerb „Ich bin ein anderes Du“ teilgenommen haben.
Der Wettbewerb stellte die erste Etappe des gleichnamigen soziokulturellen Projekts im Rahmen des MEET UP-Programms dar. Auf die Sieger wartete eine Fahrt nach Deutschland.
Ein Monat Arbeit mit den Wettbewerbsbeiträgen bildete meine Vorstellung über den persönlichen Golgothagang der an den Ereignissen in meinem Land unmittelbar beteiligten Menschen.

Man sollte sie dazu zwingen, die Essays der Donbass-Kinder jeden Morgen zu lesen. Sie – all diejenigen, die das Ganze angezettelt haben. Und abends sollte man ihnen die Videobeiträge abspielen. Die Beitragsdateien sollten ein Siegel mit der Aufschrift „Auf ewig“ haben.

„Das Lenken der Aufmerksamkeit junger Leute in Deutschland und der Ukraine auf das Schicksal konkreter Kinder und Teenager, die vom Krieg aus der Ostukraine und Syrien vertrieben worden sind. Die Unterstützung derjenigen jungen Leute, welche es versuchen, zu Trägern der Gastfreundschaftskultur in ihrer Umgebung zu werden und mit den Erscheinungsformen der Xenophobie und voreingenommenen Haltung gegenüber der Flüchtlingen wollen zu kämpfen“.

Auf wunderbare Weise stimmten diese Projektziele mit meinen persönlichen Zielen in Raum und Zeit überein. An den Erscheinungsformen der Xenophobie gegenüber Menschen aus der Ostukraine konnte ich in Kiew nur schlecht vorbeigehen. Daher war der Anruf von Sergej Enenberg, einem Mitorganisator dieses Wettbewerbs und meinem langjährigen Freund, bei mir auf offene Ohren gestoßen. Noch nicht ganz verstehend, worauf ich mich da einlasse, trat ich sofort der Jury bei.
Meinen Anteil dieser Hölle schöpfte ich völlig aus, als ich mich in jeden Buchstaben einlas, in jedes Detail jeder der Arbeiten hineinblickte, sie nach einem Zehn-Punkte-System zu bewerten versuchte. Woher sollte man denn die Kriterien dafür nehmen, diesen Schmerz und die Angst zu bewerten, welche wegen unserer Handlungsunfähigkeit entstanden waren, das konnte ich nicht verstehen.
Als Wettbewerbsteilnehmer schon in Deutschland mit ihrem großen Programm ankamen, das auf der Basis ihrer Arbeiten entstand, stellte sich heraus, dass mit dieser Aufgabe keiner der Jury-Mitglieder fertig wurde. Um ihre deutschen Altersgenossen kennenzulernen und ihnen über sich selbst zu erzählen, kamen schließlich alle 16 jungen Leute. Jeder von ihnen wurde zum Sieger ernannt. Jeder von ihnen war es und ist es immer noch.
Das sage ich nicht, um alles schönzureden. Erstaunlicherweise dachte keiner von ihnen auch nur ansatzweise daran, dass er oder sie hätte verlieren können. Wenn du 16 oder 24 Jahre alt bist und überlebt hast, ist das Weitermachen der wichtigste Leitsatz, der nicht angezweifelt wird. Sogar im tiefsten Inneren.
Schicksalsschläge, die Erwachsene wie Streichhölzer brachen, transformierten sich bei jungen Menschen in wunderbare Ereignisse. Der Verlust des geliebten Heims — in das Zen zur Findung der richtigen Beziehung zu materiellen Dingen. Das Vagabundendasein— in die Möglichkeit, das Land zu sehen und «ein Kind der Ukraine» zu werden. Die Konfrontation mit der Gewalt — in den Entschluss, jeden gewaltlosen Augenblick des Lebens zu schätzen. Die höllische „Grad“-Musik in den Ohren — in den Wunsch, diese mit eigenen Gitarrenklängen und dem Mikrofon auf der Bühne zu übertönen.
Die verlorene Menschenliebe — in das Entsinnen des Universums im Inneren. Und den dringenden Wunsch, ihn mit denen zu teilen, die weniger Glück hatten.
Eine Katastrophe bietet immer auch eine Chance, aber nur unter der Bedingung, dass das Leben weitergeht. Und dass alles ehrlich ausgesprochen wird, was man unmöglich ändern kann: das Aufteilen der Bevölkerung in die Menschen, die mit Kriegserfahrung leben werden müssen, und in den Rest.

«Ich bin ein anderes Du» ist eine präzise und umfangreiche Formel davon, was mit uns, aber auch mit jenen - Jungen, Erfahrenen, Mutigen und Weisen - geschehen ist. Die Überlebenden lehren uns, weiter zu leben.

Ich verneige mich vor ihnen.