Ein Kind der Ukraine. Maria Omeltschenko

Das Zuhause, mein geliebtes Heim, das Zimmer, der Tisch, seit der Kindheit geliebte Kuscheltiere liegen auf dem Bett, das Wohnzimmerfenster, aus dem man die halbe Stadt sieht. Das Fenster blickt nach Osten, von hier aus kann man die schönsten Sonnenaufgänge beobachten, als ob das Leben selbst geboren wird…
Bei der Innenausstattung unserer neuen Wohnung half ich meiner Mutter tatkräftig mit: Gardinenschleifen, Farbpalette, einige Bilder, die ich extra dafür malte. Wir sind erst vor kurzem wir in dieses langersehnte Haus umgezogen, pünktlich zum ersten September, und müssen der Wohnung noch den Feinschilf verpassen. Meine Mutter sagt, dass wir noch Fotos von uns an die Wände hängen sollen: Von uns, den Kindern und von der gesamten Familie, dann wird die Wohnung tatsächlich unsere, sie wird lebendig… Im Eingangsbereich, wie einen Talisman, hängen wir ein Bild von Julia Kyselöva auf, einer Malerin aus Donezk, das wir bei ihr in Auftrag gegeben haben: Unsere ganze Familie, die Eltern und vier Kinder und unser Haus: Wir sind auf dem Weg nach Hause, es ist schon sehr nahe.
Mein Donezk, sauber, aufgeräumt, voll von Rosenbüschen, meine Schule und die Musikschule sind in der Nähe, auch der Palast der Kinderkünste und der Sportpalast. Von meinem Fenster aus kann man die Häuser meiner Freunde sehen.
Der Frühling 2014, das Ende der 9. Klasse. Bald ist der Schulabschlussball, der erste in meinem Leben, mein Kleid ist aus einem Stoff, der so dünn wie ein Spinnennetz ist, grelle Himbeerfarbe…
Wie wird er wohl sein? Wahrscheinlich etwas sehr Schönes… Nach dem Abschlussball stehen noch die Eintrittsprüfungen in das Medizinische Lyzeum an. Ich bin ganz sicher, dass ich aufgenommen werde, denn seit meiner Kindheit träume ich von der Medizin, nahm an dem „Junger Medikus“-Kurs teil, das von der Medizinischen Universität angeboten wurde, ging zu den Fakultäten und in die Krankenhäuser…
Es ist alles so schön! Das Gefühl der Jugend, des Frühlings, des Glücks, die Zukunftssicherheit – es wird alles gut werden!
Nein, doch nicht. Der Abschlussball fällt aus. Unser Haus gehört uns nicht mehr. Der Talisman schaffte es nicht,  unsere Welt zu beschützen. Kuscheltiere und Fotos ließen wir zurück.

Denn morgen war Krieg.

„Es gäbe kein Glück, wenn das Unglück nicht nachgeholfen hätte“ – ein bei uns allgemein bekanntes Sprichwort. Ich bin eine eingefleischte Pazifistin und bin davon überzeugt, dass Kriege vollkommen entsetzlich sind, aber wer hätte das gedacht, dass gerade wegen dem Krieg ich zum ersten Mal nach Kiew reisen und dort leben, andere Länder besuchen würde, meine besten und verlässlichsten Freunde kennenlernen, zu einer echten Ukraine- Beschützerin werden – ihrer Sprache, Kultur und Geschichte, dass ich, im Großen und Ganzen, eine neue Welt für mich entdecken würde.
Nun, wo ich schon seit zweieinhalb Jahren nicht mehr zu Hause war und in meinem Land seit mehr als zwei Jahren der Krieg herrscht, kann ich sagen, dass es immer zwei Seiten gibt, auch im Krieg…
Der Krieg lehrt Menschen, den Verstand einzusetzen, patriotisch zu sein, die wahren Werte zu vertreten.
Der Krieg macht es sichtbar, wer du eigentlich bist, ob du in Zeiten der Not bereit bist, das eigene Ego anderen zuliebe zurückzustellen. Der Krieg verbindet Menschen, so dass sie aus ihren Hüllen rauskommen, bringt sie dazu, gemeinsam zu kämpfen. Und der Krieg verändert alles – die Menschen, die ganze Welt, alles ringsum.
Ich bin 16 Jahre alt, studiere an der Medizinischen Universität in Charkiw und seit mehr als sechs Monaten spreche ich ausschließlich ukrainisch. Es kommt vor, dass Leute nach meinem Herkunftsort fragen und wenn sie die Antwort hören, dann lachen sie zunächst und wiederholen ihre Frage noch einmal, erst dann, wenn sie begreifen, dass es die reine Wahrheit ist, wundern sie sich.
Unsere Familie kam 2014 nach Kiew, nicht nur der Krieg, Beschüsse und die ständige Lebensbedrohung  trieben uns fort. Von den Straßen von Donezk und anderen Städten und Dörfern ringsum verschwanden auf einmal ukrainische Fahnen, unsere Region wurde von Verrätern und russischen Soldaten okkupiert.

Also verließen wir unser neues Heim, ließen fast alles, was darin war, zurück, um zumindest zuhause, im eigenen Land, zu bleiben.  Aktuell sind Mitglieder meiner Familie ehrenamtlich tätig: Wir helfen den Binnenvertriebenen, also solchen Menschen wie uns selbst, Fuß zu fassen. In der Ukraine gibt es derzeit eine ganze Reihe von NPOs und gemeinnützigen Initiativen in dieser Richtung, die auf lokaler, nationaler und sogar internationaler Ebene agieren. Es gibt sogar ehrenamtliche Helfer, die vom Präsidenten ausgezeichnet wurden. Leider entstanden innerhalb von zwei Jahren auch in diesem neuen Bereich des gesellschaftlichen Lebens korrupte Systeme.

Maria Omeltschenko
Denn morgen war Krieg.

In diesem Jahr beendete ich das Medizinische Lyzeum. Ich wollte so gern in Kiew weiterhin leben und studieren, aber ich habe nicht mal die Papiere bei der Medizinischen Universität Kiew eingereicht, denn sie ist zu korrupt. Vielleicht ist es auch eine Folge des Krieges – die Erfordernis, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben?
Es gibt zur Zeit Dinge, die nur Vertriebene verstehen würden. Zum Beispiel, wenn man zur Post kommt, um ein Päckchen abzuholen, und von der einfachen Frage nach seiner Hausadresse überrumpelt wird, man fragt erst mal nach: Welche brauchen Sie denn? Denn es gibt jede Menge an Varianten: der Ort, wo man gemeldet ist (Dorf Pisky, nicht weit von Donezk, wie es in meinem Fall ist, in einem Haus, das es nicht mehr gibt), in einem Wohnheim in Kiew, wo meine Familie derzeit untergebracht ist und wohin ich immer wieder wie nach Hause komme, oder im Studentenwohnheim in Charkiw, wo ich derzeit studiere. Oder wenn das heiße Wasser im Studentenwohnheim abgestellt wird und einen stört gar nicht, denn man hatte sich vorher sowieso die Haare ein halbes Jahr lang mit eiskaltem Wasser im anderen Wohnheim waschen müssen.
Wenn man einen Karton/Tasche und womöglich gleich mehrere davon immer bei sich hat. Denn Vertriebenen/Fluchtlinge sind Menschen, die ein für alle mal verstanden haben, dass nichts für immer Bestand hat und Notfallsituationen keine Ausnahme mehr, sondern und für sehr viele zur täglichen Routine geworden sind. Deshalb, egal wo man auch ist, wo auch immer man hin geht, oder sogar wieder „umzieht“, soll man immer etwas, ein Stück Heim, was man aus dem damaligen, friedlichen Leben gern hatte, dabei haben: Fotos von Kleinen, ein Schmuckstück, das die Oma dir schenkte, eine Bluse deines längst verstorbenen Meerschweinchens, die du in der 7,.Klasse selbst gestrickt hattest, dein Tagebuch, das Lieblingsbuch („Harry Potter“, zum Beispiel), Poster von der Wand …
Für mich persönlich hat das Umzugsphänomen – die „Umsiedlung“ – eine etwas seltsame Bedeutung, da ich schon das vierte Jahr in Folge, immer in der Nacht zum 1. September irgendwohin umziehe. Das alles fing 2013 mit der lang erwarteten großen Wohnung in Donezk an. Dann 2014 gab es das Lyzeumswohnheim in Kiew und danach kam 2015 das Wohnheim, in dem wir als Familie nach der Flucht untergebracht waren und das viel bessere Lebensbedingungen hatte und schließlich das Uniwohnheim in Charkiw in 2016: all die Umzüge fanden in der Nacht zum 1. September statt!

Jetzt bleibt es das ganze Jahr spannend: wohin mein Schicksal mich in der Nacht zum 1. September 2017 bringen wird?
Auf die Frage der Freunde „Bist du schon Daheim?“ – geben meine kleinen Schwestern (Taya – 10 Jahre alt, Alexandra – fast 4 Jahre alt) die Antwort „Ja, Zuhause!“, dabei befinden sie sich im Wohnheim, in dem unsere Familie schon seit einem Jahr untergebracht ist.
Für mich klingt das so absurd, in solchen Fällen sage ich: „Im Wohnheim, ja ich bin angekommen“…
Zu den Dingen, die nur Umsiedlern verständlich sind, gehören auch Situationen, in denen alle im Jahr 2000 geborenen Umsiedler, die dieses Jahr ihren Personalausweis erhalten haben, in der Adressenzeile „Ohne Anmeldung“ stehen haben. Man ist demnach einfach ein Obdachloser, ein Penner. Und wenn in dem Handytelefonbuch gegenüber der Nummer von alten Freunden, Verwandter, die dort geblieben sind, der Buchstabe „H“ steht und wenn man einen Anruf von solchen Nummer erhält, wechselt man schnell ins Russische, um die alten Beziehungen nicht zu gefährden.
Wenn man Freunde überall in der Ukraine hat: Kiew, Odessa, Lviv, Charkiw, Dnipro, den Donezker und Lugansker Regionen, etc., damit sind enge Freunde, Mitschüler, Lehrer gemeint, die in alle Himmelsrichtungen geflohen sind.
Manchmal lässt man schon die Hände hängen, man begreift plötzlich, wie entzweit man ist: zwischen zwei Sprachen, drei Orten, zwei Seiten des Kriegs. Denn sowohl hier als auch dort hast du Freunde und Verwandte, sowohl hier als auch dort hast du Liebe erlebt.
Es gibt aber ein „aber“: Für das Zuhause ist es unmöglich den Konjunktoren „sowohl.. als auch“ anzuwenden,. Und genau das ist das aussichtsloseste Merkmal zeitgenössischer jugendlicher „Umsiedler“.
Nach und nach fängst du an, wie es mal eine Freundin von mir ausdrückte, deren Familie ihr ganzes Leben lang von einer Stadt in die andere umzog, sich wie ein Kind der Ukraine3 zu fühlen, du sprichst schon wie selbstverständlich Sachen aus wie: „bei UNS in Kiew“, oder „in MEINEM Charkiw“, genauso wie du damals von Donezk gesprochen hattest…
Ja, ein Kind der Ukraine! Aber nicht nur, weil ich in verschiedenen Städten lebte. Sondern weil die Ukraine für mich ist das wichtigste ist: Hier lebt meine Familie, hier spricht man meine ukrainische Sprache, hier ist mein Heim, meine Freunde und meine Lieder.
Jetzt weiß ich genau: Es wird alles gut!

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Viktoria Puskar

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