Eine Erzählung über mich. Svitlana Virtolina

Und ich spüre, dass mein Herz wieder singt!
Dass in deiner Nähe
Das Leben wieder beginnt!
Wieder beginnt!
Okean Elsy


Die Vorahnung von Veränderungen zum Besten im Leben bezaubert und macht uns immer glücklich.
Jeder freut sich über regenbogenfarbige Perspektiven, neue einflussreiche Bekanntschaften, unerforschte und herbe Gefühle, welche
inspirieren und der Muse zuflüstern: „Wache auf, Liebes!“ Aber mit mir ist das nicht geschehen. Alles passierte irgendwie heftig schrill. Es war, als ob man mich aus meiner naiven, rosa etwas kindischen, Realität herauszog und zum Erwachsenwerden zwang. Mein Leben fängt buchstäblich neu an.
Seit meiner Kindheit liebte ich es abgöttisch, auf dem Fensterbrett zu sitzen, während es hinter dem Fenster stark regnete. Niemals erschreckten mich Blitze oder Donnergrollen, da ich fest überzeugt davon war, dass mein Haus meine Festung ist.
Svitlana VirtoliaMein Zimmer war schon immer ein besonderer Ort: überall hatte ich die Zeugnisse hängen, Fotografien, und an der Decke hängte ich fleißig die Fluoreszenzsternchen aus. Aber irgendeiner wahnsinniger Marionettenspieler hatte die kindlichen Bewegungen meiner Seele buchstäblich aufgefasst, und schon am 24. August 2014 konnte ich wirklich durch das Dach meines Hauses den Sternenhimmel beobachten. Ein Geschoss hatte alles zerstört, das ich so sehr hegte und hütete. Zum Glück war meine Familie zu jener Zeit weit weg von diesen Ereignissen und es hatten nur unsere Sachen gelitten.
In dem Moment habe ich auf einmal verstanden, dass man an materiellen Dingen nicht allzu sehr festhalten sollte, denn es könnte das Schicksal ins Spiel kommen und dir alles weg nehmen, ohne dich um Erlaubnis zu bitten. Es hat meine Einstellung zur Familie geändert, denn als ich auf dem neuen Ort landete, habe ich verstanden, dass sie das teuerste sind, das ich in meinem Leben habe, die einzigen, die meinen Schmerz so feinfühlig nachvollziehen können.
Meinen Schulabschluss machte ich auf ukrainischem Territorium, ich wurde von der Universität in die Fakultät aufgenommen, von der ich seit meiner Kindheit immer träumte. Aber schon seit zwei Jahren war ich nicht in Ilowajsk. Meine Vergangenheit stört mich nie, mich weiterzuentwickeln und ich verberge meine Wurzeln nicht. Menschen sind manchmal beunruhigt, dass sie mir mit irgendwelchen Fragen über den Krieg in meiner kleinen Heimat wehtun könnten. Aber in mir ist schon alles verbrannt, übriggeblieben sind nur die Ruinen meines Ich in der Vergangenheit.
Ich habe wieder gelernt, zu lächeln, mich über jede Kleinigkeit zu freuen, vorwärts zu gehen und die gestellten Ziele zu erreichen. Und alles wäre gut, mein Leben fängt doch von vorne an. Der Gedanke, dass jemandes Leben täglich für immer erlischt, tut mir allerdings unerträglich weh.
Denn es wird nie wieder anfangen.

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Viktoria Puskar

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