Fremd sein unter? Kostjantyn Tanzjura

Das Mädchen versucht aus allen Leibeskräften, sich in den überfüllten Wagon der Metro hineinzuquetschen. Am Rande notiert sie das fast schon vertraute „Vorsichtig, die Türen schließen sich!“, unter ihren Rippen spürt sie einen fremden Ellbogen. Das Einatmen fällt immer schwerer, der menschliche Strom trägt sie fast aus dem Wagenraum heraus, es gelingt ihr allerdings im letzten Moment, sich an der Haltestange festzuhalten. Nur nicht los lassen. Nicht los lassen, denn…
Танцюра

Noch vor zwei Jahren träumte die damals 16-jährige Nata von einer Reise in die Hauptstadt. Täglich aus einem unruhigen Schlaf erwachend, sah sie durch das vom Kohlenstaub verrußte und geschwärzte Fenster, durch das sich die Sonnenstrahlen ihren Weg bahnten. Lichtreflexe sprangen an die Wände, fielen in ihr langes dunkles Haar. Sie freute sich, wie ein Kind, öffnete der Welt ihre himmlisch blauen Augen, sprang aus dem Bett und lief auf die Straße, wollte alles ringsum umarmen. Es schien, als ob alles ewig so bleiben würde.
«Töchterchen, wir müssen jetzt los…» Alles, was danach passierte, ist schwer zu vergessen. Die Stadt wurde von der Angst eingehüllt. Ihre Mutter zog sie an der Hand durch die leeren Straßen, flehte, schneller zu gehen. Nata warf ihren Blick auf die geschlossenen Fenster der Hochhäuser, sie versuchte zu verstehen, was jetzt geschieht. Aber niemand gab ihr die Antwort.
Die Hand tat unerträglich weh. Auf dem Handgelenk blieb ein riesiger blauer Fleck. Aber das Mädchen verstand alles. Nachdem der Vater die Familie verlassen hatte, wich ihre Mutter ihr nicht von der Seite, auch dann nicht, wenn ihre Sorgen unbegründet waren. Sie hatte ihrer Tochter alles, was sie ihr geben konnte, gegeben, und jetzt fürchtete sie, das Wertvollste zu verlieren. Sogar jetzt, an der Bushaltestelle stehend, wendete sie ihre Augen nicht von Nata ab. Sie schafften es, einzusteigen. Die Türen schlagen schmerzhaft auf die Beine auf, die Mutter schubste sie vorwärts und legte ihre Handfläche auf das kalte Eisen. „Nicht loslassen.“– hört sie vom Hinten .„Nicht loslassen, denn…“ Die letzten Wörter verschluckt das Heulen des alten Ikarus-Busses. Sie fahren los. Im Salon – Stille. Mit jedem Kilometer verlor das Mädchen den Glauben daran, dass sie jemals hierher zurückkehren wird.
Die langersehnte Hauptstadt empfing sie mit unendlichen Korridoren voll von Warteschlangen, die Mutter versuchte aus aller Kraft, einem in schwarz gekleideten Mann etwas zu erklären, der aber breitete nur unbeholfen seine Hände aus. Die Mutter kam zu Natа und umarmte sie, als sei es das letzte Mal. Ihr ganzer Körper zitterte. Damals übernachteten sie zum ersten Mal im Bahnhof.
Erst nach zwei Wochen gelang es ihnen, Flüchtlingsstatuszu erhalten, als sie schon ihr Zeitgefühl verloren und sich an das Übernachten in den Treppenhäusern der Kiewer Hochhäuser gewöhnt hatten. Nach einigen Wochen schien es so, als ob das Leben langsam in geordnete Bahn kommen würde, bis Nata in die neue Schule gehen musste, in die Abschlussklasse.
Das Mädchen fühlte sich in ihrer Heimatstadt nie fremd und versuchte niemals, zum Zentrum der Aufmerksamkeit zu werden.
Aber hier war alles ganz anders. Sie hatte sofort verstanden, dass dieses Jahr, das sie im Freundeskreis zu verbringen träumte, die hunderte Kilometer von hier entfernt geblieben waren, für sie wohl das schwerste Jahr ihres Lebens werden würde. Der einzige Schimmer am Horizont war Katja. Hellblond, mit der Augenfarbe wie frisch aufgebrühter Kaffee, unterstützte sie Nata immer, lud sie zu sich nach Hause ein, stellte sie ihrer Mutter vor. Nach einiger Zeit freundeten sich auch ihre Familien an. Ein halbes Jahr später stellte man bei Katja Krebs im Endstadium fest. Trotz allem Flehen und Weinen ihrer Mutter verzichtete sie auf eine Behandlung. Die letzten Monate vergingen für Katja viel zu schnell. Zur Beerdigung ist Nata nicht gegangen, weil sie genau wusste: das Letzte, was ihre Freundin sehen wollen würde, waren ihre Tränen.
Innerhalb des folgenden Jahres verwandelte sich ihre Heimatstadt in Ruinen. In den Nachrichtenberichten sah sie immer wieder die zerstörten Gebäude und Geschossschlaglöcher in den leeren Straßen der einst majestätischen Stadt. Der Donezker Flughafen existierte nicht mehr. Das Stadion, das einst vor Emotionen explodierte, wurde zu noch einer zufälligen Zielscheibe und verwandelte sich in die moderne Variante des Kolosseums Nata engagierte sich, versuchte allen zu helfen: Denen, die  dort geblieben sind und denen, die auf der Flucht vom Krieg waren, wie sie selbst.
Der Krieg. Jetzt, nach einem Jahr, war sie im Stande, selbst auf die Frage zu antworten, die sich ihr damals in der Mitte der menschenleeren Straße gestellt hatte. Der Krieg, den wir bis jetzt ganz anders zu nennen versuchen 1, als ob davon die Herzen derer, die uns schützten, aufhören würden, stehenzubleiben. So als ob nur diese drei Buchstaben zur der Säule werden, die die Geschosse anhält. Diejenigen, die die Hölle gesehen haben und zurückkehren, werden nicht im Zink, sondern in den langen Korridoren begraben. In den gleichen Korridoren, in denen ihre Mutter vergeblich darum flehte, etwas möge für ihre Tochter und sie getan werden.
Der Krieg, der uns entfremdete.
Sogar hier, in diesem geschlossenen Raum, unter Tausenden von „Seinigen“, das Gleichgewicht zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu halten versuchend, ist es das Wichtigste, nicht zu fallen. Den Kopf zum Licht am Ende des Tunnels zu heben und zu hören, „Liebe Passagiere, bitte halten Sie sich an der Haltestange fest.»

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Viktoria Puskar

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