Ich bin ein anderes du! Bogdan Konotopzev

Jeder von uns hat einen Leitfaden im Leben, etwas an dem man sein Leben messt.
Für Manche ist das ein bestimmtes Ziel, ein Traum, Prinzipien, Regelungen. Für mich derzeit spielt diese Rolle eine Person, die meine Einstellung zum eigenen Dasein verändert hat. Es ist ein Mädchen, das mir eine einfache Weisheit offenlegte: Man darf unter keinen Umständen, den Kopf und die Hände hängen lassen, man soll für sich, seine Ideale gerade stehen und unter allen Umständen versuchen, seine Menschlichkeit zu bewahren.
Unser Treffen ereignete sich während eines Erfahrungsaustauschprogramms zwischen ukrainischen und polnischen Jugendlichen, das im rahmen des Projekts „Dialog und Versöhnung in der Ukraine“ in Polland stattfand. Sie kam zuletzt an, da sie davor noch an einem anderen Programm teilnahm und außerdem Schwierigkeiten hatte, zum Poronina zu gelangen, einem Dorf in dem wir alle untergebracht waren.

Ich erinnere mich gut daran, wie sie an der Hausschwelle stand: Lächelnd, in beiden Händen einen Koffer haltend, hinter dem Rücken hang bei ihr ein Überzug mit einer Gitarre.

Schon nach dem ersten Blick war mir klar, dass es kein gewöhnliches Mädchen war. Ukrainer und Polen begrüßten sie und luden gleich zu einer gemeinsamen Besprechung ein, die am zweiten Tag unseres Treffens in Polland stattfinden sollte. Seit dem ersten Moment bewies sie sich als spiritueller Leader, der sofort zu Hilfe eilte, sobald sie benötigt wurde. Sie fing als erste an, polnisch-ukrainische Lieder zu singen und vereinte somit beide Diasporen. Ihr Lächeln ist ihr nie aus dem Gesicht gewichen, ungeachtet davon, welche Probleme auch immer wir hatten.
Dieses Mädchen heißt Maria, sie ist 16 Jahre alt und ist Studentin an der Kharkiv Nationalen Medizinischen Universität. Formel ist sie BVP, also Binnenvertriebene Person, was so viel bedeutet, dass sie ihr Zuhause, Freunde, alles was ihr lieb war, ihr gewöhnliches und ruhiges Leben wegen dem in der Ukraine herrschenden Krieg verlor.
Ihre Geschichte beeindruckt mich heute noch. Sie war erst vierzehn, als sie wegen der Okkupation von Donezk nach Kyiv fliehen musste. Zu dem Zeitpunkt war sie in einem Ferienlager in der Nähe von Odessa, also ist sie in die Hauptstadt buchstäblich in Sandalen und Bikini angekommen. Der Herbst kam schnell, ihr Bekanntenkreis bestand aus der Ex-Freundin ihres Bruders und ihrem Vater. Also musste sie im Wohnheim wohnen, dass das Peter Bogomolez Lyzeum (Gymnasium) für seine Schäler zur Verfügung stellte. Sie hat es gerade rechtzeitig geschafft, ihre Papiere vor dem Anmeldeschluss dorthin einzureichen. Die älteren Schüler kamen aus dem Westen der Ukraine, daher entstanden zwischen ihnen und Maria zunächst Spannungen: In den ersten Wochen bekam sie nicht mal einen Platz im Schrank, um ihre Sachen auspacken zu können, also fing bei ihr jeder Tag mit dem Auspacken von Koffern an, die sie unter ihrem Bett aufbewahrte. Leider heizte der laufende Krieg den mentalen Konflikt zwischen dem Westen und Osten der Ukraine an, dabei kamen in manchen Menschen nicht die besten Charaktereigenschaften hervor: Intoleranz zu anderen, insbesondere zu Vertriebenen. Das machte das Leben des Mädchens in den ersten Monaten unerträglich.
Am Anfang hatte sie es in Kyiv richtig schwer, denn in ihrer Heimatstadt Donezk war sie ständig mit etwas beschäftigt: professionelles Schwimmen, Malen, sie lernte auf verschiedenen Musikinstrumenten zu spielen, besuchte ein Kurs für junge Ärzte, ein Kinderfernsehstudio. In Kyiv befand sie sich auf ein mal in einer Situation, fremd und unwillkommen, belästigend für die Anderen zu sein, ohne ihre gewöhnlichen Beschäftigungen und Hobbys. Außerdem wurde sie in den ersten Monaten ständig gerügt, da sie unpassende Kleidung anhatte. Aber was konnte sie denn tun, wenn ihre „Garderobe“ ausschließlich aus Shorts und Tops bestand? Ihre Eltern schickten ihr etwas Geld und sie suchte viele Secondhandläden nach einer schwarzen Jeanshose ab.
Einen besonderen Platz in Marias Leben belegten Ereignisse vom Maidan Nesaleznosti (Winter 2013 – 2014 ). Damals lebte sie in noch friedlichen Stadt Donezk, fuhr aber mehrere Male in die Hauptstadt. Mehr als zehn mal war sie auf dem Maidan, half Ärzten, war sogar im Zentrum von Zusammenstößen mit der Stadtmiliz, die einen verbrecherischen Befehl erhielten, auf unbewaffnete zu schießen und Protestierende zu verprügeln. Ihre Eltern bangten um sie so sehr, dass ihr Vater sie auf eigenen Händen drei mal zum Zug nach Donezk trug, nur um sie vom Maidan fern zu halten.
Jetzt im friedlichen Kyiv vermisste sie ihre Familie, Freunde und Bekannte, welche sie im Osten zurücklassen musste, dennoch beeinträchtigte dies nicht ihren Kampfgeist. Sie fing an, an verschiedenen Konferenzen, Trainings und Begegnungen teil zu nehmen, lernte viele Leute kennen, die derzeit unser Land vorwärts bewegen.
Ihr Engagement im Lyzeum darf auch nicht vergessen sein: Bekämpfung von Korruption, Betrug und der Verletzung von bürgerlichen Freiheiten. Trotz der Tatsache, dass das Mädchen erst sechzehn ist, kann ich mit Sicherheit behaupten, dass sie eine starke und mutige Person ist, die niemals aufgibt. Wie die französische Marianne, die das Symbol für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit steht, ist Maria für uns Ukrainer ein Symbol der Unbesiegbarkeit und Freiheit. Wo die meisten Leute an ihrer Stelle schon vor langer Zeit aufgeben würden, kämpft Maria weiterhin für ihr Glück, was sie zu einer echten Persönlichkeit macht. Nun will sie eine Wissenschaftlerin und Forscherin werden und hat schon einiges in dieser Richtung getan: Mit ihrer Fähigkeit zur vielseitigen Entfaltung, verfasste sie schon wissenschaftliche Arbeiten zu solchen Themen wie Stoffwechsel, Endokrinologie, Genetik und experimentelle Kardiologie. Darüber hinaus ist sie die Gründerin der Jugendbewegung „Our Choice“ und Gewinnerin der Internationalen Philosophie-Olympiade (IPO), die dieses Jahr in Brüssel stattfand.
Ich schaute ihr zu und fing an zu verstehen, dass man für sein Gluck kämpfen soll. Nur du allein bist der Architekt deines Lebens und nur von dir hängt es ab, wie es wird. Wenn man die Hoffnung in seinem Herzen trägt, seinen Kopf klar hält, den Glauben an das Kommen von besseren Zeiten nicht verliert, dann wird man früher oder später sein Glück sicherlich finden. Im Roman „Die Dreiköpfe“ von John Bagryany ist sehr zutreffend gesagt: Mutige haben immer Glück. Ich stimme dem zu, denn Maria, der mutigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe, ist der beste Beweis dafür!

Zum Studiumsanfang kam meine gute Freundin Maria (jetzt darf ich sie so nennen) in meiner Heimatstadt Charkiv an. Ich war froh, ihr bei den Feierlichkeiten zum Anfang des Ersten Semesters zur Seite zu stehen und danach improvisierte für sie eine kurze Stadtführung.
Ich möchte so gern, dass Maria sich hier nicht einsam fühlt, dass sie weiß, hier in einer ihr fremden Stadt, hat sie Freunde und Unterstützung. Denn selbst die stärksten Menschen brauchen Freunde.

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Viktoria Puskar

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