Ich bin ein anderes Du. Oleg Kyba

Oleg Kyba
Was, wenn es mit euch geschehen würde?

Was, wenn es mit euch geschehen würde? Was, wenn ihr in eine andere Stadt umziehen, auf eine neue Schule gehen müsstet, in der euch alles ganz unbekannt und fremd wäre: Gänge, Klassenzimmer, Lehrer, Mitschüler?
Warum passierte es mit mir, meinen Eltern, meinem jüngeren Bruder? Warum blieben meine Freunde dort, ich aber wurde zu einem Flüchtling, einem Umsiedler? Warum wandte sich alles, was ich an der neuen Schule und in der neuen Klasse machte, gegen mich? Was war falsch mit mir? Meine Mutter sagte, dass ich die Ursache in mir suchen sollte.
Ich suchte. Dachte nach. Analysierte.
Erinnerungen…
In meiner alten Schule, in einer kleinen Bergarbeiterstadt, spürte ich am 9. Mai eine Veränderung in der Klasse, als alle mit einer Georgschleife in die Schule kamen und ich mich weigerte, das zu tun.
Ich erinnere mich, wie ich das Bild eines russischen Panzers auf einer Pinnwand bei VKontakte sah, und darunter den Kommentar eines meiner Freunde: „Hurra! Die Unseren sind da!!!“.
Die Furcht, die ich in Omas Gemüsegarten spürte, als mein Vater Schüsse hörte und mich in eine Grube schubste, die wir gerade gemeinsam aushoben, und mir sagte, dass ich mich ducken und stillhalten sollte.
Furcht – das ist, wenn in deiner Heimatstadt jeden Tag jemand umgebracht wird.
Ich höre das Weinen meines Bruders, als er das Rasseln einer Schnellfeuerwaffe in der Nähe unseres Hauses hörte.
Eines Tages brachte mein immer ausgeglichener und ruhiger Vater Medikamente, Bandagen, Spiritus, verschiedene Sorten von Getreide, Konserven und Streichhölzer mit nach Hause und sagte: „Das ist für den Fall, wenn es ganz schlimm wird.“ Seitdem stand ein mit warmen Sachen, Medikamenten und Wasservorrat vollgepackter Rucksack an der Eingangstür unserer Wohnung.
Dann beschlossen wir, doch nicht zu warten, bis es ganz schlimm wurde. Wir verließen die Stadt. Mutter weinte die ganze Zeit, als sie die Sachen packte; im Bus und im Zug weinte sie immer noch. So wurde ich zum Flüchtling.
Die Schule…
In diesem ersten Kriegsherbst wollte ich inständig endlich wieder zur Schule zu gehen. Ich wollte wieder spüren, dass ich genauso wie die anderen bin. Einen derart starken Lerndrang hatte ich bis dahin nur am Tag meiner Einschulung verspürt.
Meine Eltern wiederholen ständig, dass ich gut lernen muss, um aus eigener Kraft an eine Universität oder eine Fachhochschule zu kommen. „Es liegt alles in deiner Hand. Wir haben niemanden, der uns hilft.“ Ich verstehe alles. Ich gebe mein Bestes. Allerdings hängt nicht alles nur von mir ab. Paradoxerweise wurde ich dort, in meiner Heimatstadt, zu einem Fremden, aber auch hier wurde ich immer noch nicht anerkannt.
Freunde…
Mit meinen alten Freunden spiele ich auch jetzt noch ziemlich oft Online-Spiele, wir unterhalten uns über Skype: Fußball, Spiele und die Olympiade sind zurzeit die Hauptthemen. Vor kurzem fragte mich meine Mutter, ob ich zurück nach Hause wolle. Ich erwiderte, dass die Frage sinnlos sei, denn wir würden ja sowieso nicht zurückkehren. Ehrlich gesagt wäre ich schon gerne nach Hause zurückgekehrt. In das alte, friedliche Leben. Aber sozusagen nur als eine Testfahrt, für ein paar Tage. Ich möchte nicht mehr in mein altes Leben zurück. Es gibt weit interessantere Dinge.
Über die bedeutsamen Dinge…
Habe ich Freunde? Ja, aber nicht aus der Schule. Irgendwie hat es nicht sein sollen. Mit meinen neuen Bekannten gehe ich spazieren, zum Fitness, zum Schwimmen, unterhalte mich über Alltagssachen. Ich habe gelernt, dass es einfach ist, viele Bekannte zu finden. Freunde zu finden dauert viel länger.
Es bringt nichts, sich wegen einer anderen Person zu verstellen, der du von vornherein nicht sympathisch bist. Man soll Menschen so nehmen, wie sie sind. Und das ist auch gut so! Das Leben ist ein Bild, in das jedes Treffen, jede Bekanntschaft, jedes Ereignis neue Farben bringt.
Ich denke… analysiere…
Ich sah und spürte den Krieg. Ich spürte den Schmerz und das Leid meiner Familie. Ich verlor und fand Freunde. Ich liebe Fußball. Spiele gerne Online-Spiele. Höre Imagine Dragons. Ich werde bestimmt Programmierer werden. Ich liebe meine Heimat und bin stolz darauf, Ukrainer zu sein. Ich bin sicher, dass meine Eltern und mein Bruder eines Tages auch stolz auf mich sein werden.

Ich bin wie Du. Ich bin ein anderes Du.

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Viktoria Puskar

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