Nur ein paar hundert Kilometer entfernt. Lubov Jerschova

Lubov Jerschowa
Der KRIEG. Nur läppische fünf Buchstaben, aber wie viel Schrecken und Tod stecken dahinter.

Der Himmel ist so blassblau, als ob jemand aus ihm all die Farben ausgesaugt hätte. Vögel flitzen durch den Park und berühren mich fast mit ihren Flügeln.
Dies ist meine Lieblingstageszeit, denn jetzt kann jeder sich mit dem beschäftigen, was er richtig mag und nicht nur damit, was sein Überleben sichert. Es ist so schön ringsherum, dass man sich kaum vorstellen kann, wie es nur so still und friedlich sein kann, während nur ein paar hundert Kilometer weiter die Erde unter dem Krieg stöhnt und ein junges Leben nach dem anderen in ihre Arme schließt.

Ich lebe in dieser Stadt schon seit zwei Monaten und versuche, den Krieg zu vergessen, die Erinnerung an die Vergangenheit ausradieren, die wie ein unsichtbarer Schatten jeden Tag über mir hängt. Momentan ist der Park voll von Klängen: Menschen lachen, zanken sich, Kinder spielen und ich sitze da auf einer alten Bank und schreibe eine E-Mail, denn dort, wo ich derzeit wohne, werde ich ständig von etwas davon abgelenkt. Wenn ich schreibe, bin ich vollkommen in diese Sache vertieft. Es fällt mir einfacher, meine Seele dem Papier anzuvertrauen. Manches kann ich einfach nicht aussprechen. Wenn ich schreibe, verschwinden alle Blockierungen, Verbote, es ist die grenzenlose Freiheit, du kannst deine eigene Welt erschaffen und sie mit deinen Gefühlen und Emotionen füllen…
Und plötzlich eine Explosion und danach noch einige!!!! Wie?..
Vorbei… Es war schon wieder das Gespenst des Schreckens, das sich in der letzten Zeit ständig in meiner Nähe aufhält, mich umhüllt. Plötzlich kriege ich keine Luft mehr, jeder Atemzug nimmt mir die Kraft weg. Ich stoße den Laptop vom Schoß herunter und laufe von Angst gejagt davon. Ich denke, dass ich das eiskalte Atmen des Todes in meinem Nacken spüre. Ich bin im Park, hier gibt es keinen Versteck, keinen Platz, an dem ich mich hätt verkriechen können. Also schmeiße ich meinen Körper einfach auf die Erde unter einem großen Baum, ziehe meine Knie bis zum Kinn, verdecke den Kopf mit den Händen und bleibe in dieser Fötushaltung still liegen. Man kriegt so was nicht beigebracht, das ist unser angeborener Selbsterhaltungstrieb. Das Wichtigste ist, dass diese Position nicht zur Letzten in meinem Leben wird.

Fängt das schon wieder an?! Warum?! Ist es denn unmöglich, vom Krieg weg zu rennen, sich davon zu verstecken?!

Der KRIEG. Nur läppische fünf Buchstaben, aber wie viel Schrecken und Tod stecken dahinter.
Der Krieg! Ich flehe dich an: Halt an! Ich habe genug Erfahrung gesammelt, ich habe schon längst gelernt, jeden Augenblick des Lebens wert zu schätzen…
Alles fing an einem ganz gewöhnlichen Tag an. Sicher hörten wir davon, dass es irgendwo Aufstände gebe, aber üblicherweise, wenn man derartige Nachrichten hört, denkt man immer alles sei zu weit weg und würde uns nicht erreichen… Aber dieses Mal lagen wir falsch.
Sehr schnell endete unser normales Leben, wir hatten Angst, aus unseren Häusern herauszukommen.
Als meine Heimatstadt zum ersten Mal unter Beschuss stand, gerieten wir in Panik und wollten nur Eines: So schnell wie möglich von dort weg,  so weit es nur geht.
Aber wohin?! Deshalb ließ ich meinen Papagei nach dem nächsten Beschuss frei, damit zumindest jemand von uns nicht dem Stöhnen der Erde zuhören muss, die sich vom höllischen Schmerz krümmt. Ein Mensch gewöhnt sich dennoch an alles… Mit der Zeit überkam uns  ungeheuerliche Ruhe, man zitterte nicht mal, wenn das Geschützfeuer plötzlich losging.
Während der Beschüsse stellte uns unser Badezimmer ein Versteck dar, dort versammelte sich unsere ganze Familie und wartete solange, bis die Stille wieder einkehrte.
Hat jemand von euch jemals Lebensmittel, warme Sachen und Decken im Bad aufbewahrt? Wir schon… Denn man weiß ja nie, wie lange man da so ausharren muss.
Nach und nach verwandelte sich die Stadt, Häuser, an die so viele Erinnerungen gebunden waren, in einen Ruinenhaufen. Zur Ruine wurde unser Leben…
Sobald wir die Möglichkeit bekamen, da herauszukommen, packten wir sie beim Schopf. Wir verabschiedeten uns nicht mal von den Dingen, die unser Leben all die Jahre ausmachten. Es tut so weh, alle Sachen, die einem so lieb waren, zurückzulassen! Sie sind immer noch da, falls unser Haus noch steht.
Und Freunde? Ich war immer sehr gesellig, hatte mich jeden Tag mit vielen Menschen unterhalten… Wie sollte ich sie denn jetzt alle wiederfinden? Der Krieg zerstreute uns über das ganze Land, manche sind gar ins Ausland geflohen. Noch lassen mich auch meine Alpträume nicht los. Ich bin ein erwachsenes Mädchen, das hin und wieder zum Schlafen ins Bett seiner Eltern kommt. Der Krieg lässt seine Opfer nicht mal im Schlaf in Ruhe… Gewiss wird die Angst mit der Zeit nachlassen: Sie verwischt nach und nach das Schrecken der Erlebnisse, wie schlimm sie auch gewesen sein mögen. Dennoch denke ich, dass ich Menschen, die den Krieg erlebten, auch im Straßengewühl erkennen würde, denn er hinterließ Spuren vom Schmerz und Verlust in deren Augen.
Plötzlich spüre ich einen Ruck an meiner Schulter. Mehrere Stimmen dringen zu mir durch in die Dunkelheit meiner Gedanken, man fragt, ob alles mit mir in Ordnung sei oder lieber ein Notarzt gerufen werden sollte?
Langsam richte ich meinen versteiften Körper wieder auf, setze mich immer noch zitternd unter dem Baum aufrecht, der mich beherbergte.
Ich sehe eine Menge Leute rings um mich stehen, richte meine Augen gen Himmel und sehe dort… eine Feuerwerksshow.

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Viktoria Puskar

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.